Die Aufführung am 31. Mai 2008 Die Aufführung am 01. Juni 2008
Über das Werk Die h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach stellt einen einzigartigen Höhepunkt sowohl im Schaffen Bachs als auch insgesamt in der über Jahrhunderte währenden europäischen Musikgeschichte dar. Viel wurde darüber schon geschrieben, was hier nicht zusammenzufassen ist, sondern es soll der Versuch gemacht werden, auch dem weniger Informierten einen Anreiz zu bieten, in die geistige, geistliche und musikalische Welt dieses Ausnahmewerks einzutauchen, eine Welt voller barocker Symbole, theologischer Bezüge, gestützt auf einen Bildungskanon, der weitgehend vergessen ist, ebenso wie Goethes Faust II heute nur noch mit Kommentar zu lesen ist. In dieses vielfach vernetzte gedankliche Beziehungsgeflecht bringt Bach seine einmalig schöne und zugleich intensiv in die Tiefe gehende Musik ein, ihrerseits hochkomplex und letztlich auch nur mit einschlägiger interpretatorischer Hilfe zu verstehen. Dabei sprengt sie in ihrer visionären Modernität, die bis an die Grenzen des damals überhaupt Denkbaren geht, alles bisher Dagewesene, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes „unerhört“, manches an harmonischen Wendungen finden wir erst in der Spätromanik wieder. Kein Wunder also, daß Händels „Messias“, der zeitgleich ja auch einen ähnlich umfassenden christlichen Anspruch erhebt, in der Gunst des Publikums höher steht, und das durchgängig seit seiner Uraufführung bis heute, während die h-moll-Messe wie die Matthäus-Passion ein Jahrhundert lang vergessen war, bis Felix Mendelssohn-Bartholdy sie der Welt zurückgab, Gott sei Dank! So ist der „Messias“ ein vornehmlich melodiös geprägtes Werk, im Überschwang christlicher Emotionalität in kürzester Zeit geschrieben von einem Erfolgreichen am Londoner Hof. Händel wußte, was ankommt, was „in“ ist, er, der Opernkomponist kannte sich aus in der Welt der Schönen und Reichen. Wie eingängig der Seele schmeichelnd ist doch die Arie „Er weidet seine Herde“, wie mitreißend das nun fast schon totgesungene „Halleluja“, und die Strahlkraft von Händels Musik hält bis heute unvermindert an. Bach hingegen war, auch in den Augen mancher seiner Zeitgenossen, ein bisweilen fast weltfremder Tüftler, einer der nicht Ruhe gab, bis er die Dinge von allen Seiten her noch einmal und noch einmal durchgearbeitet hatte, alle Aspekte, alle Facetten gewürdigt und in der ihnen zukommenden Weise dargestellt hatte. Übergründlich, theologisch hochgebildet, nur der Sache zugetan und darüber hinaus mit einer genialen kompositorischen Kraft gesegnet, die seither ihresgleichen sucht, hat er in der h-moll-Messe Zeugnis seines christlichen Glaubens abgelegt. Er, der Erzlutheraner Johann Sebastian Bach, vertont im wichtigsten Teil der h-moll-Messe, dem Credo, das Glaubensbekenntnis der katholischen Messe in einer unglaublich dichten Form. Der Messetext erscheint im steten Wechsel zwischen Chören und Arien, in den Arien grundsätzlich mit einem obligaten Soloinstrument neben der Gesangsstimme, in den Chören in hochkompliziert bis ins letzte Detail durchkomponierten Fugen mit vier, fünf, sechs und acht Stimmen. Für den Kenner wie für den Laien sind die Ansprüche an das Ohr deutlich höher als bei Händel, aber es lohnt die Mühe, sich einzuhören und hineinzugehen in eine Musik, vor der man sich schließlich nur noch in ehrfürchtigem Staunen verbeugen kann. Vielleicht ein Beispiel, eines unter beliebig vielen: „Confiteor unum baptisma, in remissionem peccatorum“, heißt es im lateinischen Messetext, der dem sogenannten Nizänischen Glaubensbekenntnis folgt, „Ich bekenne die eine Taufe, die Vergebung der Sünden“. Bach beginnt fünfstimmig mit zwei einzeln durchgeführten Fugen mit je einem Thema über die beiden Texteile und vermischt sie dann miteinander zu einer großangelegten Doppelfuge. Damit aber nicht genug. Mitten in dieses bereits hochkomplizierte Geschehen mischt sich dann ein Gregorianischer Gesang in langen Noten zu eben diesem Text, dies aber nicht nur einfach so, sondern, fast möchte man sagen, bei Bach unabdingbar, gleich in einem eng geführten Kanon zwischen Baß und Alt, während die anderen drei Stimmen die Doppelfuge weiter ausführen. Damit aber immer noch nicht genug. Kurz darauf übernimmt in einer weiteren Steigerung der Tenor den Gregorianischer Gesang in hoher Stimmlage, weithin zu hören und eindringlich in noch einmal verdoppelter Notenlänge. Das alles ist bei Bach natürlich nicht nur l´art pour l´art, sondern dahinter steht eine Aussage. Was ist denn der Kern der christlichen Botschaft, des Evangeliums, der „guten Nachricht“? Richtig – die Vergebung der Sünden. Und: „Wer da getauft ist und an Dich glaubt, der hat das ewige Leben...“ Für Bach war das klar, immerwährend gelebte Gegenwart und Wahrheit, alle Stimmen sagen dasselbe, Einheit der Aussage in der Vielfalt der Darstellung. Unsereinem muß man das heute erklären und das Ohr muß sich erst wieder einüben, das alles miteinander zu hören. Die h-moll-Messe ist ein Gottesdienst in seiner höchsten musikalischen Form, für den Gläubigen ein schon oft begangener Weg zur inneren Einkehr, für andere immer noch ein unglaublich eindringlicher ästhetischer Genuß. Denn es gibt nur eines, was schöner ist, als einer Aufführung der h-moll-Messe zu lauschen, nämlich selbst auf dem Podium zu stehen und gespannt auf den Einsatz zum Prolog des ersten „Kyrie“ zu warten – und genau diesem Erlebnis fiebert das Vokalensemble Gaienhofen seit vielen Monaten intensiver Probenarbeit entgegen. Manfred Zürcher |
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Der "Südkurier Singen" zur Aufführung am 31. Mai 2008 Musik, die Menschen selig machen kann Seit Mendelssohn den Thomaskantor mit der Wiederentdeckung seiner Matthäus-Passion 1829 in Leipzig in Erinnerung gebracht hat, ist Johann Sebastian Bach ein Ereignis. Insbesondere, wenn seine h-Moll-Messe aufgeführt wird, wie jetzt in der Singener Liebfrauenkirche. Dirigent Herbert Blomstedt soll gesagt haben, man solle allmorgendlich ein Gebet zum Himmel schicken, auf dass uns der Thomaskantor vor Mittelmäßigkeit bewahre. So weit muss man nicht gehen, schließlich ist Bach kein Heiliger, aber einer, der uns selig machen kann, einer, der als Protestant nach katholischem Liturgietext komponierte. Mit anderen Worten: Ökumene als denkbare Möglichkeit zur christlichen Einheit. Ganz gleich, ob in der Liebfrauenkirche von Singen der Aufführung der h-Moll-Messe diese Überlegung zugrunde lag - sie wird in der Geschichte des Vokalensembles Gaienhofen, der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben unter der Leitung von Siegfried Schmidgall in nachhaltiger Erinnerung bleiben. Dafür spricht der eindeutige Beifall der Besucher, die sich stehend für die Umsetzung des Bachwerkes 232 bedankten. Siegfried Schmidgall ist kein Dirigent der großen Gesten, aber seine Zeichengebung bringt Großes hervor, hinterlässt die Spur eines Eingeweihten. Schmidgall geht untheatralisch mit den Kontrasten um. So fand das fünfstimmige "Kyrie in seiner gedrosselten Dynamik eine würdige Öffnung zur überwältigenden Ausdruckskraft dieser Messe. Instrumental auf den kurzen Strich der Geigen wendeten sich die beiden Sängerinnen Sonja Erwied (Sopran) und Viola de Galgóczy (Alt) an Christus, den Vermittler. Das chorische "Kyrie stand mit überglänztem Trompetenklang im Gegensatz zur Alt-Arie des "Laudamus. Das "Gratias" mit seinen sanft genommenen Synkopen erfuhr eine harmonische Aufschichtung bis hin zu den von Pauken und Bläsern gestützten Schlusstakten. Die liebliche Seite offenbarten die Sopranistin und Johannes Kaleschke (Tenor) mit dem Solo-begleiteten "Domini Deus". Glänzend in Szene gesetzt wurde die Chorfuge "Qui tollis, inbrünstig bittend um Erbarmen. Vom Jagdhorn begleitet, überbrachte der Bass Torsten Müller das "Quoniam. Zum Glanzstück der Aufführung holte der Chor mit dem lebhaft genommenen fünfstimmigen "Cum sancto spiritus aus. Gregorianik spiegelte sich im chorischen "Credo. In der Tonart der Messe, dem h-Moll, erfüllte der Chor Bachs "Et in carnatus" im trauernden Mitgefühl. Von schwer lastenden Akkordblöcken getragen war der Chor "Crucifixus. Und wie vergessen schien die Kreuzigung durch das kontrastreich eingebrachte "Et ressurexit - er ist auferstanden. In sechs Stimmlagen glänzte der Chor im "Sanctus, einmündend in die prächtig ablaufende Fuge "Pleni sunt coeli et terra. Die knifflige Begleitung des Konzertmeisters für das "Benedictus des Solotenors wurde bestens eingelöst. Die g-Moll-Arie "Agnus Dei fand eine perfekte Darstellung. Jetzt war der Weg zum "Ewigen Frieden nur noch ein Atemzug. Gerhard Hellwig |
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Das "Singener Wochenblatt" zur Aufführung am 31. Mai 2008 Großartiges Konzerterlebnis Bachs H-Moll Messe in der Liebfrauenkirche Singen (frö). Ein großartiges Konzerterlebnis bot sich den Besucherinnen und Besuchern der H-Moll Messe von Johann Sebastian Bach am vergangen Samstag in der Singener Liebfrauenkirche. Dirigent Siegfried Schmidgall führte das Vokalensemble Gaienhofen und die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben mit meisterlicher Sicherheit durch dieses Werk, das als eines der anspruchsvollsten Chorwerke der klassischen Literatur gilt. Bach hat hier barocke Symbolik und seinen theologischen Impetus aufs Meisterliche miteinander verknüpft. Die komplexen Strukturen des Werkes stellten an die Sängerinnen und Sänger und an die Instrumentalisten höchste Anforderungen. Von Beginn an zeigten auch die vier Solisten eine starke Präsenz. Sonja Erwied (Sopran), Viola de Galgczy-Mécher (Mezzosopran), Johannes Kaleschke (Tenor) und Torsten Müller (Bass) trugen in ihren Soli Chor und Orchester mit, bildeten ein perfektes Quartett, das höchsten sängerischen Ansprüchen genügte. Langsam wurde begonnen mit dem Kyrie, pianissimo stimmte der Chor einen mehrstimmigen Kanon an. Gleich steigt der Sopran in höchste Lagen, die Melodieführung gebunden, die beiden Sopranistinnen setzen einen ersten Akzent. Im Gloria setzen gleich zu Beginn Pauken und Trompeten ein, sie verkünden die frohe Botschaft, die Trompeten trillern, es sei Friede auf Erden. Nur mit den Streichern folgt eine schön intoniert Arie, die Solo-Violine umspielt die Stimme, weiter geht es mit polyphonen Sequenzen, die Querflöte trillert gleich einem Vögelein. Ein Tenorsolo wird von der Flöte umgarnt, unisono, dann wieder kanonisch. Sehr langsam folgen Impressionen des Bachschen Credo, maestoso, dann wieder polyphon, Jesus nimmt die Sünden der Welt auf sich. Die Oboe begleitet eine Arie, das klingt schön lautmalerisch. Das erste Basssolo, von Horn und Fagott begleitet, sicher in tiefsten Lagen, Bach verkündet hier die Allmacht des Jesus Christus. Es jubelt der Chor, fortissimo wird das Amen verkündet. Die Allmacht Gottes ist immer wieder Thema bei Bach, er huldigt auch hier immer wieder seinem tiefen Glauben, der die Entstehung des Werkes überhaupt möglich gemacht hat. Sopran und Alt geben ein schönes Duett, der Chor kündigt vom Heiligen Geist. Langsam und bedächtig das Vorspiel für die Kreuzigung, die Menschwerdung Jesu wird im pianissimo intoniert. Presto und Forte dagegen die Auferstehung, der Bass besingt noch einmal den Heiligen Geist, unterstützt von Fagott und Oboe, zwei Celli und ein Kontrabass geben dieser kraftvollen Arie die notwendige starke aber dennoch zurückhaltende Grundlage. Die Taufe zur Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten, das Sanctus, der Chor meistert alle diese mitunter hochkomplexen Folgen meisterhaft. Noch einmal eine schöne Arie im Dialog mit Querflöte und Orgel. Tutti beim Hosianna, voller Kraft und Stärke, die Mitwirkenden geben ein bravouröses Finale. Bachsche Kompositionskunst und die Botschaft des Herrn verschmelzen hier zu einer großartigen Einheit. Das Lamm Gottes und das Dona nobis pacem füllen noch einmal den großen Raum der Kirche mit voller Kraft und Stärke. Ein unglaublich schönes Erlebnis, die Besucher dankten mit stehenden Ovationen. |
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Die "Schaffhauser Nachrichten" zur Aufführung am 01. Juni 2008
Konzert Messe in h-Moll in der Kirche St. Johann
Musik von hoher Qualität Das Vokalensemble Gaienhofen und die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben sowie das Solistenquartett: Sonja Erwied, Sopran, Viola de Galgêczy-Mécher, Mezzosopran, Johannes Kaleschke, Tenor, und Torsten Müller, Bass, interpretierten unter der Leitung von Siegfried Schmidgall die Messe in h-Moll von Johann Sebastian Bach im St. Johann. «Wir haben's geschafft», sagte draussen vor dem St. Johann eine Chorsängerin zufrieden lächelnd zu ihrer Kollegin. Und wie haben sie's geschafft! Sich auf Bachs h-Moll-Messe einzulassen, erfordert von den Ausführenden hohe Konzentration. Die Besetzung mit fünf- bis achtstimmigem Chor und die reichhaltige Instrumentalbesetzung sind auf versierte Ausführende angewiesen. Auch für die Hörer, die nun der Komposition nicht als «catholische Messe» - wie das Werk in der Bach-Familie genannt wurde - folgen, ist diese Musik in ihrer Reichhaltigkeit an melodischer und harmonischer Aussagekraft sowie in ihrer expressiven Textgestaltung eine fesselnde geistige Herausforderung. Erstaunlich ist, dass diese Messe ein völlig homogenes Werk darstellt, obwohl seine Teile zu ganz verschiedenen Zeiten entstanden sind und diese selbst eine Reihe von Teilen aus anderen Werken Bachs aufweisen. Als integrierende Vorgabe wirkte in dieser komplexen Komposition natürlich die Textvorlage, das alte Ordinarium Missae des Missale romanum in der Fassung der «Leipziger Kirchenandachten» von 1694. Das spannende Erlebnis begann mit dem kraftvollen ersten «Kyrie», das wie ein Wachruf ins Kirchenschiff drang und dann, nach einem instrumentalen Zwischenspiel, erneut erklang, seufzend in seinem Rhythmus, eindringlich bittend im Ausdruck. Dann bewegt sich der erste Satz der Messe im Duett beider Solosoprane mit dem «Christe eleison» in innig bittender Haltung fort und endet mit einem fugierten Teil im Chor. Es folgte das «Gloria», und das Publikum war nun schnell darüber im Bilde, dass dieser Chor und dieses Orchester, ebenso wie das gediegene Soloquartett, von hoher Qualität sind. Die von Bach so tiefgründig und dabei ungemein farbig gestaltete Musik erfuhr hier eine sowohl im grossen Ganzen wie auch in den anspruchsvollen Details sehr bewegende Aufführung. Chor und Orchester waren durchweg präsent und intonationssicher. Hervorzuheben - und dies verdankt sich sicher nicht zuletzt dem äusserst konzisen Dirigenten Siegfried Schmidgall - ist, ausser der dynamischen Gestaltungskraft, die stimmliche Beweglichkeit des Chors, die es ihm erlaubte, die raschen und kurzen Notenwerte klar und locker phrasiert zu realisieren. Das ideal aufeinander abgestimmte Solistenquartett und die bewundernswerten Orchestermusiker, denen man die hervorragend dargebotenen obligaten Partien in den Arien verdankte, rundeten die Interpretation der bachschen h-Moll-Messe vom Sonntagabend im St. Johann erlebnisreich ab. Monica Zahner |
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