Der Südkurier vom 02.05.2005 Ein Konzert wie die Walpurgisnacht VON REINHARD MüLLER Die ganze Höri schien sich zum Konzert in die Gaienhofener Hörihalle aufgemacht zu haben, denn dort war in überfüllter Halle mehr als ein Klassik-Konzert zu hören: ein geglücktes Experiment, klassische Musik von Beethoven, Humperdinck und Mendelssohn als große Bühnenshow zu präsentieren, wo Lichteffekte, perfekte Tontechnik und Live-Videogroßbild mithalfen, Gehörtes sehbar zu vertiefen (Technik: Patric Sedelmay, Alex Friedrich und Event-AG). Lenker des akustischen und optischen Spektakulums war Siegfried Schmidgall, der als Dirigent die Palette aller seiner Gaienhofener Ensembles einsetzte: Kantoreien und Theater-AG der Evang. Internatsschule Schloss Gaienhofen, die "Klassische Philharmonie" und das "Vokalensemble", das in Wirklichkeit ein zahlenmächtiger Chor ist. Als Einführung diente Beethovens "Meeresstille und glückliche Fahrt", ein Genrestück für Orchester und Chor mit reichlich geschraubtem Text von Goethe, das in seiner Gegensätzlichkeit der Vertonung von Flaute und Rettung in die Spannung der großen Beethoven'schen "Chorfantasie" führte: der ausholende Orchesterbeginn eher ein ausgewachsener Klavierkonzertsatz, wo das liedhafte Thema "Schmeichelnd, hold und lieblich" vorab instrumental variiert wird, bevor der Chor es aufnimmt und sich zum Ende hin in die hymnische Vorausahnung der "Neunten" steigert. Die Trossinger Klavierstudentin Laura Stokes gestaltete den mächtigen Part mit virtuoser Bravour und die Live-Wiedergabe auf der Großleinwand war eine tolle Idee, von jedem noch so weit entfernten Platz aus das Tastaturgeschehen mitverfolgen zu können. Die Gaienhofener Philharmonie: Mit der Mischung von Profi- und Liebhaberinstrumentalisten leistete sie - ohne Pause beschäftigt bei Beethoven, dem Humperdinck'schen Opernauszug und der Mendelssohn-Kantate - Beachtliches in ihrer großen Besetzung. Da war immer ein spürbar temperamentvolles Mitgehen, eine weitgehend professionelle Intonation, ein ausbalancierter Klang zwischen Streichern und Bläsern. Konzert- und Erlebnismitte war zweifellos die von Siegfried Schmidgall musikalisch eingerichtete Fassung von "Hänsel und Gretel" für seine Internatsschüler, die das volle Orchester forderte, dann aber eine jugendgerechte, ideenreiche, humorvolle Inszenierung bescherte, die das schwer erreichbare Humperdinck-Opernoriginal so bunt, lebhaft, spielerisch entkitscht und heiter auf die Bretter brachte, dass man in der halbszenisch gespielten Trennung von Sprechrollen (Theater-AG der Internatsschule) und singender Zunft eine neue, beispielhaft gelungene Schulaufführung des Märchens erlebte: zu Herzen gehende, dabei aber nie tragisch sein wollende Kinderdarsteller Hänsel, Gretel, Eltern, Hexe, 14 süße Engelchen und allerlei geträumte Märchenfiguren in liebevollen und glänzenden Kostümen von Christoph Fiebig, der auch die Spielszenen leitete. Das praktikable Bühnenbild mit Dreh-Versatzstücken von Marita Windhab zauberte Grimm'sche Kulisse nach Kinderart, und Anna Ley hatte für die wirkungsvolle Maske gesorgt. Von chorischer und solistischer Kehle kamen die 13 teils weltberühmten Lieder zum Bühnengeschehen: die Internatskantoreien mit etwa 50 Schülern sangen schlagfertig, lieblich, tonrein und hell, hatten gar schon führende Soprane; als Solosoprane fielen die Oberstüflerinnen Pia Weissmann und Mirja Schmidbauer mit bemerkenswert reifen Stimmen auf (der heiß erwartete Abendsegen "Abends will ich schlafen gehen" erfüllte alle Hörerwartungen), während der opernhaft-koloraturöse Hexengesang professioneller Kraft anvertraut war - Viola de Galgóczy brachte hier Gesang und grandioses mimisches Spiel in Opernhausqualität ein. Mit großem musikalischem Gestus aller Mitwirkenden vom "Opernorchester" bis "hinunter" zum Fünftklässler erscholl das mächtige Dank-Finale, nachdem die Hexe derart unspektakulär und beiläufig von Gretel in den Ofen geschoben worden war, dass auch nicht für fünf Cent Mitleid über das schreckliche Geschehnis entstehen konnte. Das war eine Schulaufführung, die zeigte, dass es nicht immer Rock, Pop und Musical sein muss, was Schulen präsentieren. Mendelssohns Großkantate "Die erste Walpurgisnacht" zeigte textlich einen ganz anderen Goethe: den Spötter und geistreichen Unterhalter, der im Religionsstreit zwischen keltischen Druiden und christlichen Missionaren eindeutig für Erstere Partei ergreift. Eröffnend saß mit Thomas Weber der personifizierte Goethe auf der Bühne: Thomas Weber gab in täuschend nachempfundener Faust-Manier ein humorvoll bis bissiges Einführungsgedicht zur Kantate. Mendelssohn passte der fantastischen Streithandlung seine typische Musik an: melodiös schlicht einerseits, dramatisch wuchtig (mit viel zu langer Orchester-Ouvertüre, die fast schon wieder symphonisches Ausmaß hat) im Affekt. Das Vokalensemble mit über 100 Sängern zusammen mit der Internatskantorei hatte hier die große Stunde der Gestaltung: Männervolumen und Frauenstrahlkraft, getrennt und vereint, mit immer scharf prononcierter Aussprache. Dazu drei Vokalsolisten von großem Format: Viola de Galgóczy (Freiburg) mit gleichwohl metallisch wie lyrischer geführter Altstimme, Alexander Efanov (Stuttgart) mit heldentenoral-oratorischer Dramatik und David Pichlmaier (Weimar) mit markigem, schlank geführtem Bass. Und wieder hatte man Szenisches zugefügt: Virginia Finnity-Biller tanzte ausdrucksstarken Pas de seul zum Spuk des Druidenfests. Mit der chorischen Schubert-Hirtenlied-Zugabe näherte man sich beinahe schon der Mitte dieser echten 30.-April-Walpurgisnacht. Der große Beifall galt einem riesigen Ensemble von wohl über 250 Mitwirkenden und der gediegenen und erfolgsgewöhnten Gaienhofener Kulturszene, die ohne Siegfried Schmidgall so nicht existent wäre. |
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