Der Südkurier Radolfzell Eine imponierende Gesamtleistung
Unter der Leitung von Siegfried Schmidgall hatten das Vokalensemble Gaienhofen und die Klassische Philharmonie Gaienhofen - ein kleines, offenbar ambitioniertes Liebhaberorchester - das Riesenwerk erarbeitet. Als Solisten wirkten mit: Sonja Erwied, Nicole Fazler, Alexander Efanov, Reinhold Schreyer und Hermann Locher. Ein grandioses Tongemälde entrollt Bach, das unmittelbar in das Geschehen um die Passion Christi einführt, wie es im Johannes-Evangelium dargestellt ist. Leiden und Verherrlichung bekommen in der Wechselrede des biblischen Textes mit Chor, Rezitativen und Arien eine düstere Dramatik, die durchaus opernhafte Züge hat. In Bachs so wunderbar klar symbolisierender Tonsprache, auf die auch das Programmheft eindringlich verwies, gewinnen die Texte ihren Sinn. Die Musik macht das oft so Triviale der Wortgestaltung vergessen. Die Musik drückt die Gleichzeitigkeit von Leiden und Herrlichkeit aus. Flöten und Oboen stehen für den Passionsgedanken: das ganze Stück hindurch hören sie nicht auf, zu seufzen und zu klagen. Alexander Efanov, Tenor, führt als Evangelist durch das Geschehen der letzten Stunden Jesu, er hat ein gewaltiges Pensum mit großer Sicherheit bewältigt. Hermann Locher, Bass, leiht Jesus seine volltönende Stimme mit hoheitsvollem, einfachen Pathos, ganz wie dieser Part eben gesungen werden soll. Mit der abgeklärten Schönheit des Baß-Ariosos: "Betrachte meine Seele" ließ Reinhold Schreyer - er verkörperte Petrus und Pilatus - den Hörer das grausige Geschehen der Kreuzigung kurzzeitig vergessen. Anrührend und voll düsterer Wehmut die erste Altarie von Nicole Fazler und ein ergreifender Höhepunkt dann Jesu letzte Worte: "Es ist vollbracht". Die beiden Sopran-Soli von Sonja Erwied erfreuten mit glockenhellem Glanz, in flüssiger Bewegtheit das erste und ein Juwel geradezu im zweiten Teil "Zerfließe mein Herze". In den Chorälen nimmt gewissermaßen die ganze christliche Gemeinde zu dem schweren Geschehen Stellung. Die Johannes-Passion ruht überwiegend auf den Chören, über elf Choräle führt die Brücke von den Aufführenden zur lauschenden Gemeinde, sie sind die musikalischen Ruhepunkte im hochdramatischen Geschehen. Doch im zweiten Teil des Werks wandelt sich der Chor zur leidenschaftlich erregten Menge, bis zur Steigerung der "Kreuzige-ihn"-Chöre. Viel zu tun also für Siegfried Schmidgall, der den Riesenapparat jederzeit souverän und immer mit klarer Zeichengebung im Griff hatte. Das kleine Orchester behauptete sich tapfer, es gab zauberhaft schöne Vor- und Zwischenspiele und liebevolle Begleitung aller Arien. Die geforderte Palette ist riesig und reicht bis zu drastischen Naturschilderungen. Doch auch das Publikum ist hier gefordert: das ist keine "schöne" Musik, bei der man sich entspannt zurücklehnen kann. Die Geißelung und Kreuzigung, musikalisch keineswegs beschönigt - Bachs Bezifferung zufolge hat die Orgel in den oberen Stimmen die gehaltenen Dissonanzen der Flöten und Oboen mit durchzuführen - stellt auch Ansprüche an die Leidensfähigkeit des Hörers. Helga Dobler |
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