Der Südkurier vom 23. Dez. 1998
Eine Fülle schönster Weisen Musik für eine fröhliche Weihnacht - Die Melanchthonkirche war voll besetzt Bis auf den letzten Platz gefüllt war die Melanchthonkirche - das ist nicht verwunderlich, hatte doch Siegfried Schmidgall mit seinem Vokalensemble Gaienhofen, den Kantoreien der Evang. Internatsschule Schloss Gaienhofen und der „Auenwald- Brass“-Band eine „festliche Advents- und Weihnachtsmusik“ angekündigt. Sie war es, wie man erwarten konnte; eine Fülle schönster Weisen aus allen Jahrhunderten von der Reformationszeit bis heute, aus England, Mittel- und Osteuropa, in einem munteren Gemisch der Sprachen Deutsch, Englisch und Latein, vor allem aber der gefühl- vollsten Sprache, der Musik. Mit Glockenspiel und dem fülligen Bläserklang der Intrade „Macht hoch die Tür“ begann das Konzert, das dann mit A. Hammerschmidts mächtiger Motette „Machet die Tore weit“ die Erwartung, und mit „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ von H. Schütz das Lob des Herrn der Welt sinnfällig zum Ausdruck brachte. Mit diszipliniertem Einsatz und ausgewogenem Stimmklang stellte sich das Vokalensemble voll in die Tradition dieser herrlichen alten Chormusik. Dazwischen wurde die Arie „Öffne dich, mein ganzes Herze“ aus der Bach-Kantate 61 von Helga Tenschert mit in den Höhen kraftvollem Sopran und gut eingesetztem Tremolo, von Gotthart Hugle an der Orgel begleitet, eindrucksvoll vorgetragen. In der Arie „Let the Bright Seraphim“ von G.F. Händel vermochte die Stimme von Helga Tenschert sich gegenüber dem starken Ton der obligaten Trompete mühelos zu behaupten, und das will etwas heißen! Überraschend geizte das Programm nicht mit Gegensätzen. Das „Psallite“ eines Anonymus von 1530 klang sehr alt, und stellenweise wie Orff, den das Vokalensemble vor einigen Monaten aufgeführt hatte. Von E. Crespo stammt eine Reihe origineller Arrangements weihnachtlicher Hymnen und Lieder. In Aufbau und Pathos sehr britisch, mit Fortissimo-Einsätzen und effektvoller Unterstützung durch Blech und Schlagwerk, die den Chor des Vokalensembles nicht erschlug, sondern einrahmte und ihm in den Akzenten festlichen Glanz verlieh. So erklangen „Joy to the world“ und „Tochter Zion“ von Händel in triumphalem Jubel, „Der Heiland ist geboren“ in inniger Vertrautheit, „Zu Bethlehem geboren“ durch die sanfte Begleitung der tiefen Bläser wohltuend beruhigt. „Kommet, ihr Hirten“ mündete textgerecht in einen konzertanten Wettstreit der Männer- und Frauenstimmen. Eine einfallsreiche Verbindung alter Vokal- und moderner Blasmusik also, auch bei den osteuropäischen Weisen: „Hört, hört, ihr Hirten“ (Jugoslawien) mit schmissiger Einleitung, „Schlaf mein Kindlein“ (Rußland) mit Solo - Sopran von Mareike Kirchmann, „Heute kam ein Engel“ (Ungarn) mit strenger Festigkeit (eine kleine Ungenauigkeit im Blech war zu überhören). Im zweiten Teil des Konzerts kamen die beiden Kantoreien des Gymnasiums hinzu, und mit den frischen Kinderstimmen eine zusätzliche Begeisterung für eine Folge von „Carols“. Es handelt sich dabei um die traditionelle englische Form des jubelnden Weihnachtslieds, hier in Zusammenstellung und Arrangement von D. Wilcocks. Darin eingeflochten war das titelgebende "In dulci jubilo" in den gepflegten Chorsätzen von M. Prätorius und J. Walter. Besonders schön gelang die rein instrumentale Fassung der Blechbläser. Bei "Es ist ein Ros entsprungen" wurde der wunderschöne, bekannte Satz von Prätorius eingerahmt vom etwas herberen und delikateren, dennoch reizvollen Satz von H. Distler. Ganz und gar englisch hingegen die übrigen Carols, modern aufgeputzt, teils im Charakter der Kantaten und Spielmusiken unsers Jahrhunderts („God rest you merry“, sowie „Star Carol“ von J. Rutter) , munter und ein kleines bissel schräg hin zum Musical, teils mit Fanfaren im Stil von Olympia oder Monumentalfilmen, im Grundzug aber heiter und fröhlich bis hin zum pompösen Schluss mit dem bekannten ,,O come, all ye faithfull“ („Adeste fideles“, „Herbei, o ihr Gläub'gen“). .Da gab es so reichen Beifall, dass die beiden letzten Carols wiederholt werden mussten. Es war schön, die vielen weihnachtlichen Weisen wieder gehört zu haben, gut gesungen und musiziert, und in neuer Verpackung mit erneuter Freude: so konnte kommen, was gemeint war und sich alle wünschten - eine fröhliche Weihnacht. EDGAR MELSBACH |
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