Der Südkurier vom 22.Juli 1998
Tosender Beifall stürmt auf die Mitwirkenden ein
Aufführung der „Carmina Burana“ durch die Evang. Internatsschule Schloss Gaienhofen war ein großer Erfolg
„Carmina Burana“ - ein Liebes- und ein Freudenrausch; Hingabe, an die Welt, den Frühling, den Sommer, die Liebe, an den Geliebten, an die Geliebte. Was dabei verwundert, ist der Auffindungsort der Texte: ein mittelalterliches Kloster (Benediktbeuren). Sie landeten um 1803 in der kurfürstlichen Hofbibliothek zu München, dort wurden sie aufgefunden. Sollten die frommen Mönche, die geistlichen und die gelehrten Herren am Ende gar ihre Freude an so „losem“ Tun und Singen gehabt haben? Wohlverpackt in frommes, zumindest fromm scheinendes Latein, durchbrochen von einigen, in mittelalterlicher Sprache gehaltenen Versen.
Den Komponisten Carl Orff (1895-1982) und seither Generationen von Hörerinnen und Hörern müssen sie gereizt haben. Der Meister selbst schrieb an seinen Verleger: „Alles, was ich bisher geschrieben, können Sie nun einstampfen!“ So sehr war er überzeugt, nach jahrzehntelangen „Vorarbeiten“ nun end1ich „seinen“ Stil gefunden zu haben. Ihn vertiefte er von da an in immer neuen Werken. Populäre, leicht nachzusingende Melodien, die sich in ihrer absichtsvollen Primitivität an frühgeschichtliche Strukturen anlehnten, plakative Harmonien, stereotype Wiederholungen, zündende Synkopen, raffinierte Klangballungen entfesseln ein Feuerwerk, das Ausführende und Hörer sichtbar in den Bann schlägt. Vor allem, wenn sie so temperament- und schwungvoll zelebriert werden, wie unter Siegfried Schmidgalls Leitung.
Er ist, ungeachtet anderer Vorzüge, zuvorderst ein Organisationsgenie. Allein die Masse von etwa 250 Mitwirkenden - drei Chöre, ein bunt zusammengewürfeltes Instrumentarium - unter einen Hut und zum gemeinsamen Einsatz zu bringen, erfordert eine solche Fülle von Vorausplanung, Terminabsprachen und nach Gruppen getrenntem Probeneinsatz, daß auch vom Dirigent höchster Arbeitsaufwand verlangt wird. „Genie ist Fleiß“, diese Devise gilt zu großem Teil auch hier. Und dabei ist es nur ein einziger Aspekt unter vielen, der zu einer erfolgreichen Aufführung dazu gehört.
Tosender Beifall, der in eine „standing ovation“ mündete, stürmte schließlich auf die Mitwirkenden ein; sie konnten sich ihm nur mit mehreren Zugaben erwehren. Die stürmischen Ovationen wurden leider durch ein rücksichtslos schrilles Pfeifkonzert gekrönt, das im Gegensatz zu althergebrachten Gebräuchen eigentlich höchste Begeisterung ausdrücken sollte. Empfindlichen Naturen wird dadurch das Nachklingen und Nachsinnen des Gehörten schmerzlich verwehrt.
Die Chöre, bestehend aus dem einatzfreudigen „Vokalensemble“, der „Schülerkantorei“ sowie der aus den Jüngsten bestehenden „Minikantorei“ der Evangelischen Internatsschule Schloß Gaienhofen musizierten mit spürbarer Hingabe. Vor allem den vielen jungen Leuten stand die Aufgeschlossenheit und die Begeisterung schon ins Gesicht geschrieben, die auch durch die hitzebedingte harte Probenarbeit nicht gedämpft werden konnte.
Lothar Lang bezeichnete das mitwirkende Orchester als „verläßlichen Partner der Gaienhofener“ Aufführungen. Den Beweis für diese Kennzeichnung erbrachte das Ensemble sogleich mit Orchesterwerken von Mussorgsky, Britten und Schostakowitsch, wobei Schmidgall einen Ausflug in neuere Klangwelten unternahm, die das Orchester glänzend bewältigte. Auch bei der „Carmina“ war es ein zuverlässiger Begleiter, der mit zündenden Rhythmen und brausenden Klangballungen (aber auch bei lyrischen Sequenzen) nichts zu wünschen übrig ließ.
Glück hatte Schmidgall auch mit der Wahl seiner Gesangssolisten. Sie fügten sich mit wohlklingenden Stimmen in den Gesamtablauf ein: Gunter Katzenmaier, ein ehemaliger "Gaienhofener", ließ seinen wunderschönen lichten Tenor aufstrahlen, Stephan Storck erfreute mit warmem Timbre und Kathrin Anne Frey leuchtete mit ihrem hellen Sopran -in der Höhe manchmal etwas zu scharf- hinweg über dunkle Abgründe.
Es wären noch viele Einzelheiten nachzutragen! Etwa die kundige Einführung in das Orffsche Werk von Thomas Weber, die Saaldekoration mit dem schmucken, sich bisweilen drehenden Glücksrad, den Requisiten einer Schenke, einzelne Instrumentalsolisten und und und. Aber wo anfangen und wo aufhören? Alles, in allem eine großartige Leistung, die in der vollbesetzten Höri-Halle ein erwartungsvoll gestimmtes Publikum vorfand und ein schönes Abschiedsgeschenk für den scheidenden Direktor Udo Beenken.
JOSEF MICHEL |
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