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Georg Friedrich Händel wurde 1685 in Halle geboren und lebte von 1712 bis zu seinem Tod im Jahre 1759 in England. Zwei Jahrzehnte war er als Opernkomponist und -unternehmer erfolgreich, doch dann machte ihm vor allem die Beggar’s Opera von Gay und Pepusch erhebliche Schwierigkeiten. So wandte er sich in der Folgezeit wieder verstärkt der Komposition von Oratorien zu (insgesamt schuf er über 30, die ersten schon während seines Italienaufenthalts von 1706-1710, das letzte 1751).
Zum Werk Händel war 56 Jahre alt, wirtschaftliche und wohl auch gesundheitliche Probleme machten ihm zu schaffen, als er den gesamten Messias innerhalb weniger Wochen komponierte: Am 22. August 1741 begann er mit der Komposition, am 14. September beendete er sie! Aus Berichten derer, die dem Komponisten damals nahe standen, erfahren wir, dass Händel das Werk in einer grenzenlosen Hochstimmung schuf, in Stunden, die fast einer Erdentrücktheit gleichkamen. „Ich glaubte den Himmel offen und den Schöpfer aller Dinge selbst zu sehen“, soll er tränenüberströmt ausgerufen haben, als er den zweiten Teil des Oratoriums mit dem Halleluja beendet hatte.
Im November 1741 reiste Händel auf Einladung des irischen Vizekönigs nach Irland. Er hatte versprochen, etwas „von seiner besten Musik“ mitzubringen. Am 13. April 1742 fand dort in Dublin die Uraufführung des Messias statt. Im folgenden Jahr wurde das Werk erstmals in London in Covent Garden aufgeführt. Beim Erklingen des „Hallelujah“ erhob sich damals der König, und mit ihm das ganze Auditorium von den Plätzen, und dieses Verhalten ist bis heute bei Messias-Aufführungen in England üblich. Allein bis zu Händels Tod wurde das Werk 56 mal aufgeführt.
Die deutsche Erstaufführung des Messias erfolgte 1772 in Hamburg. Auch in Deutschland wurde das Oratorium als Meisterwerk begrüßt. Mozart hat das Werk für Wien neu bearbeitet. Seitdem gehört Der Messias zu den volkstümlichsten Werken nicht nur in England, sondern in der ganzen gebildeten Welt.
Am 14. April 1759, dem Karsamstag, starb Händel. Sein Grab in der Westminster-Abtei trägt als Inschrift einen Text aus dem Messias: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebet.“
Den Text zum Messias hat Charles Jennens zusammengestellt, der mehrmals als Librettist für Händel tätig war. Die Texte stammen aus dem Alten und Neuen Testament und den Psalmen. Sie vergegenwärtigen den vom Herrn gesalbten König, den Messias, der Gottes Reich heraufführen soll.>
Händel verfährt in seinem Oratorium wie ein Historiker: Jesus wird auf drei Ebenen (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft) dargestellt. Leben und Leiden des Erlösers sieht Händel von der Gewissheit des Heils überstrahlt. Diese Spannung zwischen banger Erwartung, Verheißung und Erfüllung steht musikalisch wie ein Wahrzeichen über dem Oratorium alsDur-Moll-Spannung.
Im ersten Teil steht die alttestamentarische Ankündigung und die Geburt Jesu im Mittelpunkt. Das Erlösungswerk Christi zu verherrlichen, sind die schönsten und tiefsinnigsten Sprüche des Alten und Neuen Testaments ausgewählt. Mit mächtigen Worten der Verheißung, mit tröstlichen der Gewißheit, beginnt, nachdem die ernste e-moll-Ouvertüre verrauscht ist, der erste Teil. Feierliche Chorklänge und liebliche Arien bereiten auf das Kommen des Messias vor. Unmittelbar nach der letzten, dem wie tastend herumirrenden h-moll-Baßstück „Das Volk, das da wandelt im Dunkel“, verkündet der Chor in hellem D-Dur die Geburt. Die Hirten kommen mit zarter Krippenmusik, das Gloria der Engel ertönt, und in tiefen beseligten Klängen - jedes Stück weltberühmt und ein Zeugnis begnadeter Schöpferkraft - wird vom Segen der Heilsbotschaft berichtet. Händel hat hier ein wesentliches Stilmittel des musikalische Ausdrucks der Barockzeit verwendet, indem er seelische Vorgänge durch bestimmte musikalische Floskeln wiedergibt: Weihnachten wird nach alter Tradition auf Glanz, Pracht und Jubel gestimmt, erst danach fällt der Blick auf die Idylle im Stall zu Bethlehem, die sich in der Hirtenmusik widerspiegelt. Das Hirtenidyll der Weihnacht geht über in die Vorstellung vom Seelenhirten, der sein Leben für seine Schafe hingibt.
Im zweiten Teil wird das Bild vom Schmerzensmann, von Passion, Geißelung und Kreuzigung musikalisch lebendig, gefolgt von der Auferstehung im Licht königlicher Glorie, die der Chor mit dem Einzug des „Königs der Ehren“ feiert. Die Überwindung des Todes wird eins mit dem Triumph des Weltenherrschers, mit dem Jubel der erlösten Menschheit. Hierzu wurden Texte aus dem Neuen Testament zu Passion und Auferstehung von Händel meisterlich vertont. Am Anfang der scharf rhythmisierte Anruf an das Gotteslamm und die atemversetzte Altarie „Er ward verschmähet“ mit ihren einsamen Seufzern und der Geißelschilderung. Die Rezitative, die der Marter Christi gewidmet sind, enthalten Töne tiefsten Mitleids gemischt aus Trauer und lodernder Empörung, - so der Satz „Diese Schmach brach ihm sein Herz“ mit dem anschließenden „Schau hin und sieh, wer kennet solche Qualen“. Schnell, aber mit blutendem Herzen geht Händel über Kreuz und Leiden hinweg. Wichtiger als der grauenvolle Passionsvorgang ist ihm die Heilsidee, die aus diesem Leiden erblüht. Ihr galt bereits die große Fuge „Durch seine Wunden sind wir geheilet“. Mit dem „Hoch tut euch auf“ ändert sich der Schauplatz. Die Auferstehung ist vollzogen, Scharen von Engeln erwarten den Messias, der Himmel öffnet sich und Cherubim und Seraphim stellen sich zum Empfang auf. Reines F-Dur löst den Bann früherer Molltonarten. Alles, was jetzt folgt, bedeutet höchste Genieleistung und lässt in der Tat glauben, dass Händel die Vision einer Himmelsglorie gehabt hat. Nicht alles ist dem Chor übergeben. Den lieblichen Schritt der Himmelsboten besingt ein Solosopran, das Toben der Heiden ein Bass. Und dann beginnt das „Halleluja“, - dieses Halleluja, das in England nahezu göttliche Verehrung genießt und (wie das Evangelium in der Kirche) von den Hörern stehend mitangehört wird. Die harmonische Einfachheit des Satzes kann nicht weiter getrieben werden: fast nur D-Dur und A-Dur. Aber die Melodik und Rhythmik, die Gruppierung der Chorstimmen, die kristallklare Form des Satzes geben ihm eine Wirkung, deren Monumentalität immer von neuem überwältigt.
Es folgt im dritten Teil als Zukunftsvision der Ausblick auf die Erlösung der Menschheit und das ewige Königtum Christi. Aus Christi Auferstehung erwächst die Gewissheit des Heils. Dieser letzte Teil des Oratoriums knüpft an Tod und Jüngstes Gericht an und gleicht einer Meditation über die Auferstehung und das ewige Leben. Viel Mystisches, Geheimnisvolles aus dem 1. Korintherbrief und der Offenbarung Johannes steckt in ihm. Die ‘Erlöserarie’, die an der Spitze steht, teilt mit dem Halleluja den Ruhm der Unsterblichkeit. Sie verdankt ihn nicht nur der edlen Melodik allein, sondern ebenso den in ihr schwingenden Gemütswerten, dem Reinen, Keuschen, Gläubigen, Zuversichtlichen, - alles auch hier mit letzter Meisterschaft auf das denkbar Einfachste zurückgeführt. Als Gegenstück erscheint ein wenig später die mächtige Bassarie „Sie schallt, die Posaun“ mit der Andeutung des letzten Gerichts. Und wenn dann nach dem feierlichen Spruch „Würdig ist das Lamm“ das Fanfarenthema „Alle Gewalt und Preis und Macht“ einsetzt und schließlich der ganze Chorstrom in die Amenfuge einmündet, dann steht der Hörer, gleichgültig welchen Bekenntnisses und welcher Lebensanschauung, unter dem Bann einer Erscheinung, die uns zu letzter Erhabenheit hinaufführt, aber gleichzeitig stärkt und über uns selbst erhebt. Händel betrachtet Leben und Leiden des Herrn mit stolzer Heilsgewißheit statt mit frommer Zerknirschung. Im Vergleich mit dem pietistisch beeinflußten Altersgefährten J.S.Bach, ist Händel der moderne, seiner selbst bewusste Mensch. Händel hat im Messias die Lebensgeschichte Christi musikalisch in einer barock-kraftvollen und doch volkstümlichen Tonsprache für mehrere Chöre und Solostimmen umgesetzt. Die Vokalsoli dienen als Instrumente der Verkündigung.
Die aus Italien übernommene Form des Oratoriums erlaubte Händel, aus der Not des puritanischen Zwangs eine Tugend zu machen: Damals untersagte der anglikanische Puritanismus, biblische Stoffe szenisch darzustellen. Wo Bildersturm und Puritanertum die stets beargwöhnte Szene leergefegt hatten, lagen selbst Passions- und Legendenspiele außerhalb des Erlaubten. Auch Händel bekam diese Strenge zu spüren. So schrieb er seine geistlichen Opern, wie auch den Messias, als abstraktes Musiktheater. Wo Dekoration und Kostüme der Vorstellungskraft des Publikums nicht aufhelfen durften, verdeutlichte eine lapidar bildhafte Sprache das Geschehen. Die Prägnanz des musikalisch dramatischen Ausdrucks im Messias, wie auch in Händels anderen Oratorien, führt die Begebenheit vor das innere Auge, komponiert gleichsam Aktion und Bühnenbild, beflügelt die Phantasie des Hörers, ohne sie festzulegen und verlegt das Drama auf die innere Bühne der Vorstellungskraft.
Eine tönende Darstellung des Lebens Jesu zwischen Bethlehem, Kalvarienberg und Heilsgewissheit war also zu Händels Zeit überhaupt nur in Form eines Oratoriums möglich.
Händel begegnet der Lebensgeschichte des Erlösers mit der Objektivität eines Dramatikers und der Religiosität eines freien, selbstbewussten Christenmenschen. Darin mag der Grund liegen, dass sich Händels Messias durch die Jahrhunderte ungeteilter Bewunderung erfreute und bis heute wohl das weltweit am häufigsten aufgeführte Oratorium ist.
Zur Aufführungspraxis der damaligen Zeit ist noch zu erwähnen: Trompeten, Pauken, Oboen und Fagotte sind in der uns erhaltenen Partitur nur an wenigen Stellen erwähnt, Händel verwendete sie aber selbstverständlich, wie es der damaligen Tradition entsprach, an sämtlichen geeigneten Stellen zur Färbung, Konturierung, und Verstärkung des Tuttiklanges. Händel hat außerdem sein Oratorium immer wieder den Gegebenheiten angepasst, so z.B. wenn er Arien einfach transponierte oder Solopassagen für Chor umwidmete. Sein Versuch war wohl stets von dem Wunsch geprägt, das Werk noch besser zu gestalten, gemäß seinem Glauben und anhand der Möglichkeiten.
In dieser Tradition erlauben wir uns bei der heutigen Aufführung, das Werk ein wenig unseren besonderen Möglichkeiten anzupassen, indem wir an bestimmten Stellen - anstelle der Streicher - Flöten einsetzen, da die Schüler unserer Schule so als Instrumentalisten mitwirken können. Außerdem werden die Trompeten, so wie bei Händel üblich, an verschiedenen Stellen mitspielen.
Unser Ziel ist es, Ihnen eine Messias-Aufführung auf hohem Niveau zu bieten, die den besonderen Gegebenheiten unserer Schule an geeigneten Stellen angepasst wurde.
Wir hoffen, Sie haben Verständnis für und viel Freude an diesem ganz besonderen Konzert!
Siegfried Schmidgall |
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